Selbstoptimierung: Der Weg zum Glück?

Selbstoptimierung ist in aller Munde. Jeder Lebensbereich lässt sich perfektionieren. Selbstoptimierer beobachten, messen, disziplinieren – und verbessern sich? Führt uns das perfekte Ich wirklich zu einem glücklicheren Dasein? Die Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen hat den Megatrend untersucht. Für sie ist klar: Nur wer weiß, was für ihn persönlich gut ist, kann sich selbst optimieren.

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Corinna Mühlhausen ist Zukunftsforscherin und Journalistin. Als Expertin für den Gesundheitsmarkt hat sie den Begriff „Healthstyle“ geprägt.

Bevor Max abends ins Bett geht, zückt er sein Smartphone und zieht Bilanz. 7.129 Schritte hat er heute zurückgelegt. 129 mehr als sein persönliches Tagesziel. Nicht mit reingerechnet die fünf Kilometer Lauftraining: Exakt 29 Minuten hat er für die Strecke gebraucht. Seine Kalorienzähler-App zeigt für heute 3300 Kalorien an, allein 410 machen die zwei Feierabendbier aus. Dank dem Bier hat er aber auch die empfohlene Menge an Kalium, Magnesium und B-Vitaminen erreicht.

In seinem digitalen Tagebuch schaut Max nach, was er sich für heute vorgenommen hatte: Außer an den Punkt „Wäsche waschen“ kann er an alle Tasks einen Haken setzen. Noch ein schneller Blick in die Tracking-App: Das Smartphone insgesamt 202 Mal genutzt, Gesamtdauer drei Stunden neun Minuten, davon allein über eine Stunde Facebook. Höchste Zeit, die digitale Diät wieder etwas ernster zu nehmen! Für morgen hält er fest: Maximal zweieinhalb Stunden Handy. Bevor er sein Smartphone neben das Bett legt, aktiviert Max die Schlafüberwachungsfunktion und seine derzeitige Lieblingsapp zum Entspannen: Die Wahl fällt heute auf das leise Plätschern eines Bachs. Nach fünf Minuten schläft er tief und fest – was sein Smartphone ihm am nächsten Morgen bestätigen wird.

Max ist keine reale Person, sondern eine Figur, die wir aus einer kleinen Umfrage mit unseren Mitarbeitern kreiert haben. Wie Max vermessen sich immer mehr Menschen mit Hilfe der Technik. Apps, Computerprogramme, Wearables: Nahezu jeder Lebensbereich – von der Arbeit über die Freizeit bis hin zum Schlaf – lässt sich überwachen und optimieren. Schätzungen zufolge gibt es inzwischen über 150.000 Apps allein in den Bereichen Gesundheit und Fitness. Neben Blutdruck, Herzfrequenz, Puls, Schlafphasen und Essgewohnheiten dokumentieren die sogenannten „Quantified Selfers“ auch Produktivität, Finanzen oder Stimmungen.

Fragt man Max nach seinen Gründen, antwortet er: „Ich will mir bewusst sein, wie ich lebe. Und besser leben: besser arbeiten, gesünder sein, meine Zeit besser verbringen.“ Selbstoptimierung ist demnach das Streben des Einzelnen, aus sich selbst das Beste herauszuholen. Ähnlich definiert auch die Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen den aktuellen Megatrend. Sie ergänzt aber noch eine wesentliche Komponente: „Das individuell Beste muss nicht immer das Schönste, Schnellste, Schlaueste sein. Selbstoptimierung beinhaltet immer auch eine Reflektionsebene: Nur wer weiß, was für ihn persönlich gut ist, kann an der Optimierung des Selbst arbeiten.“

Das Arbeiten an sich selbst ist bereits in der Antike dokumentiert. Mit der Aufklärung und dem Fokus auf das Individuum erfährt die Idee der Selbstoptimierung jedoch eine bisher unbekannte Dynamik, die im Zeitalter der Digitalisierung einen neuen Höhepunkt erlebt. Warum? Für Mühlhausen sind gesellschaftliche, ökonomische und technologische Entwicklungen die wesentlichen Treiber: Zum einen schwindet seit Jahren der Einfluss von Staat, Kirche und Familie, das Gemeinwohl und der gesellschaftliche Zusammenhalt verlieren an Bedeutung. Mehr denn je rückt der Einzelne sich und sein individuelles Glück in den Vordergrund.

Zum anderen erleben wir eine enorme Beschleunigung der Konjunkturzyklen. Leistungsdruck und eine ungewisse Zukunft fördern das Bemühen eines optimierten Ichs: „Wir sehen uns in einem permanenten Wettbewerb auf allen Lebens- und Liebesmärkten. Und dieser Wettbewerb hat durch die technologische Entwicklung und die Möglichkeiten, sich permanent zu vernetzen, zu bewerten, zu vergleichen noch an Dynamik zugenommen“, so Mühlhausen. Die Netzwerkökonomie feuert diese Entwicklung an: „Je schneller, einfacher, leistungsfähiger, smarter und preisgünstiger Sensor- und Netzwerktechnologie wird, umso professionalisierter wird die Selbstoptimierung vorangetrieben.“

In ihrer Studie „Das Zeitalter der Selbstoptimierer“ (aktualisierte Ausgabe in 2016) prägt Mühlhausen den Begriff „Healthstyle“: Immer mehr Menschen verbinden Gesundheit längst nicht mehr nur mit Abwesenheit von Krankheit, sondern auch mit „persönlichem Wohlbefinden, Fitness, Leistungsfähigkeit, Schönheit und Glück“. Die Selbstoptimierer professionalisieren den gesunden Lifestyle in allen Lebensbereichen und bewirken somit nachhaltige Veränderungen auf den Gesundheitsmärkten. Für Mühlhausen eine positive Entwicklung, denn sie fördert mündige Menschen, die ihr Wohlbefinden eigenverantworten möchten und auf Augenhöhe mit allen Playern der Gesundheitsmärkte kommunizieren. „Eine Schlüsselqualifikation in einem Land, in dem die Bevölkerung immer älter und die Anzahl der gesunden Jahre im Alter immer weiter ausgebaut wird“, so die Trendforscherin.

Vieles spricht für die Selbstoptimierung: Sich selbst zu messen kann motivieren. Denn Erfolge spornen an und machen glücklich. Selbstvermessung schafft ein Selbst-Bewusstsein. Wir lernen uns besser kennen und leben bewusster. Selbstoptimierung kann uns auch zu Selbstdisziplin erziehen. Das hilft uns, uns in der heutigen Überfülle der Angebote zu kontrollieren und zu strukturieren.

Selbstoptimierung kann uns also zum glücklicheren Menschen machen. Aber nur, wenn sie durch eigenen Antrieb geschieht: „Gefährlich wird sie immer dann, wenn sie auf Druck von außen passiert“, so Mühlhausen. „Wenn andere – potenzielle Partner, Arbeitgeber, Kreditgeber, Versicherer – mich danach beurteilen oder sogar aburteilen, wie konsequent ich in meinen Bemühungen bin, dann wird Selbstoptimierung zu Zwang und Stress.“ Jeder sollte selbst darüber bestimmen, was für ihn optimal ist. Auch Langsamkeit, ziellose Kreativität, Nichtstun, Ruhe und Gelassenheit gehören zu einem besseren Leben. Das sieht Max auch so: Er lässt seine Kalorienzähler-App morgen aus – da feiert er seinen 40. Geburtstag.

 

Corinna Mühlhausen im Interview: „Hohe Erwartungen an den Arbeitgeber“

TREIBSTOFF: Welches Ergebnis aus der Studie hat Sie am meisten überrascht?

MÜHLHAUSEN: Wie aufgeklärt und souverän die Menschen mit ihrer Gesundheit, mit den Themen Wohlgefühl und Glück umgehen. Wie wichtig es ihnen ist, sich selbst zu verwirklichen, ihr Leben so zu gestalten, dass sie nicht (nur) schöner, reicher oder erfolgreicher werden, sondern dass es bei der Selbstoptimierung ebenso stark um Ruhe, Gelassenheit, Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit geht. Außerdem waren wir überrascht von den Erwartungen der Menschen (und hier vor allem junger Menschen) an ihren Arbeitgeber: Für einen nicht unerheblichen Teil der für unsere Studie Befragten ist klar: Der Arbeitgeber ist mit dafür verantwortlich, wie ich den Spagat zwischen Beruf und Familie, zwischen Pflichten und Freizeit hinbekomme. Die besten Mitarbeiter suchen sich ihren Arbeitgeber in Zukunft auch danach aus, wie hoch das Engagement des Unternehmens in diesen Fragen ist.

TREIBSTOFF: Warum nutzen tendenziell mehr Männer als Frauen Apps zur Selbstoptimierung?

MÜHLHAUSEN: Die Apps der ersten Stunde bedienten den klassischen Spieltrieb des Mannes: Sie halfen ihm dabei nachzuzeichnen, wie lange, wie schnell und wie schnell im Vergleich mit anderen er sich bewegt hat. Frauen brauchen weniger den Wettbewerb mit anderen, sondern fighten vielmehr gegen sich selbst und den inneren Schweinehund. Und sie wollen dabei nicht nur auf das höher, schneller, weiter gucken, sondern auch weiche Faktoren mit einrechnen: Was hat eine Sache für mich selbst gebracht? Nicht nur für meinen Körper, sondern auch für meine mentale Fitness? Macht mich Selbstoptimierung glücklich und entspannt? Oder stellt sie lediglich einen weiteren Stressor im Alltag dar. In den nächsten Jahren werden wir erleben, dass noch mehr Selbstoptimierungs-Apps auf den Markt kommen, die sich diesen weiblichen oder ganzheitlichen Bedürfnissen widmen. Die ersten Schritte dahin sind ja bereits getan: Ein Trackingband wie Fuel von Nike misst längst nicht mehr nur die Leistung, sondern auch die Stunden, die mit Schlaf oder Entspannungsübungen verbracht werden.

TREIBSTOFF: Verraten Sie uns Ihre eigenen Strategien zur Selbstoptimierung?

MÜHLHAUSEN: Meine persönliche Selbstoptimierung fußt auf dem guten Gefühl, mit den Jahren immer gelassener zu werden. Anzukommen – an einem Ort und bei sich selbst – ist die schönste Art der Selbstoptimierung. Darüber hinaus brauche ich keine Apps, leiste mir aber wohl den Luxus eines wasserfesten iPods. Das Wasser ist mein Element. Mein perfekter selbstoptimierter Tag startet mit einer langen Schwimmeinheit. Danach bin ich für alles gerüstet, was auf mich zukommt.

Kommentare (1)

  1. Vielen Dank für diese tolle und umfassende Ausarbeitung. Besonders gefällt mir, die neutrale Gegenüberstellung der Möglichkeiten und Gefahren der Selbstkontrolle. Hier ganz besonders die Ausführung bezüglich der richtigen Selbsteinschätzung. Nur so kann es funktionieren, dass jeder den Tag, den Monat, das Jahr nach seinen Wünschen „optimal“ strukturiert und hoffentlich auch zielführend reflektiert. Letztlich sollte man den geschaffenen „Freiraum“ für all das nutzen, was wirklich glücklich/zufrieden macht z.B. Pflege guter Beziehungen, selbst zur Ruhe und bei sich ankommen und ausgeglichen sein und bewusst im Hier und Jetzt leben. Gruß Ralf

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