Bild-PR: Ab mit den alten Zöpfen!

Wie visualisiert man Aktienkurse, Investment-Tipps oder Leitzinz-Politik? Julian Mezger und Christine Kokot hauchen sperrigen Finanzthemen Leben ein. Sie sind Bildredakteure beim Finanzen Verlag (€uro, €uro am Sonntag, Börse Online, Tiam, Tichys Einblick, Artcollector, finanzen.net und boerse-online.de). In unserer Reihe „Wer liest eigentlich Pressemitteilungen?“ erklären die beiden, wie sie Bildmaterial recherchieren und unter welchen Bedingungen sie auf PR-Bilder zurückgreifen.

TREIBSTOFF: Können Sie Ihren Arbeitsalltag in ein paar Sätzen beschreiben?

Julian Mezger Finanzen Verlag Bildmaterial
Julian Mezger,
Leiter Bildredaktion, Photographie & Digital Imaging beim Finanzen Verlag in München. Foto: Finanzen Verlag

MEZGER: Unsere Bildredaktion ist im ständigen Austausch mit der Redaktion und dem Layout über die Themen in den aktuellen Publikationen sowie mit dem Marketing über die weiteren Verlagsaktivitäten wie Veranstaltungen, Messen, Werbung oder Sonderpublikationen. Wir behalten ständig neue Trends in den Bereichen Bildästhetik und Technik im Auge. Außerdem recherchieren und beschaffen wir weltweit Bilder, klären Bildrechte und verhandeln Honorare. Wir verfolgen die aktuelle Nachrichtenlage und versorgen die Online-Portale des Verlags – boerse-online.de, finanzen.net und finanzenverlag.de – mit Bildern. Wir entwickeln Bildideen und setzen sie um, realisieren eigene Fotoproduktionen und vergeben Fotoaufträge. Wir briefen Fotografen, verschicken Belege und archivieren Bilder. Ich selbst als Leiter der Bildredaktion kontrolliere unsere Kosten, vereinbare mit Agenturen Bildhonorare und kümmere mich um die Zweitverwertung von eigenem Bildmaterial.

TREIBSTOFF: Wie recherchieren Sie neues Bildmaterial beziehungsweise passendes Bildmaterial für Beiträge?

KOKOT: Wir recherchieren bei Agenturen, Fotografen, im Internet, bei Unternehmen und durch Austausch unter Kollegen. Oft stößt man bei der freien Suche im Internet auf interessante Fotoproduktionen und Porträts von Fotografen, die dieses Material noch von keiner Agentur vertreten lassen. Somit ist es für uns von Vorteil, wenn sich diese Bilder – in einer LowRes-Version – auch über Suchmaschinen finden lassen.

TREIBSTOFF: In welchen Fällen leisten Sie sich eine eigene Fotoproduktion? Wann greifen Sie zu Agentur- oder Stockmaterial?

Christine Kokot Finanzen Verlag Bildmaterial
Christine Kokot, Bildredakteurin für €uro und boerse-online.de beim Finanzen Verlag in München. Foto: Finanzen Verlag

KOKOT: Sofern es zeitlich und finanziell Sinn macht, werden Fotoproduktionen durch uns selbst realisiert. Hierfür nutzen wir unter anderem auch unser redaktionsinternes Fotostudio, zum Beispiel für Tabletop-Fotos. Können wir nötige Fotoshootings aus bestimmten Gründen nicht selbst übernehmen, beauftragen wir externe Fotografen. Agenturfotos verwenden wir etwa, wenn eine Eigenproduktion nicht möglich ist, ein Fotoauftrag zu teuer wäre oder wenn wir zum Beispiel über bestimmte Ereignisse berichten. Hierbei haben wir mit vielen Agenturen individuelle Preisvereinbarungen. Günstige Microstock- und kostenfreie Presse-Fotos setzen wir dort ein, wo sie optisch vertretbar sind, um die Bildkosten im Rahmen unseres Budgets zu halten.

TREIBSTOFF: In welchen Fällen gehen Sie auf Bebilderungsideen von Pressestellen oder PR-Agenturen ein?

KOKOT: Wenn die Bildsprache und Bildqualität eines Pressebildes geeignet ist, nehmen wir es aus Kostengründen durchaus mit in unsere Bildauswahl. Das benötigte Material – etwa Personen, Produkte oder Ereignisse – fragen wir jeweils konkret bei der entsprechenden Pressestelle an. Verwenden wir ein Pressefoto in einer unserer Publikationen, machen wir das im Fotocredit deutlich, indem wir den jeweiligen Firmennamen nennen.

TREIBSTOFF: Wie sollte Bildmaterial aussehen, mit dem Sie etwas anfangen können?

KOKOT: Im Idealfall muss das Bild in Druckauflösung – 300 dpi – bis zu einer Doppelseite groß druckbar sein. Das Material muss aktuell sein, ein konkretes Datum und möglichst umfassende und treffende Dateiinformationen beinhalten. Bei der Bereitstellung sind wir flexibel. Ob die Bilder per Mail, Download, wetransfer.com, oder ähnliches zu uns gelangen, ist uns egal. Hilfreich ist für die Bildredaktion immer ein zügiger und unkomplizierter Datenzugriff sowie erreichbare Ansprechpartner. Die Registrierung und Freischaltung bei Bilddatenbanken muss schnell gehen.

TREIBSTOFF: Was sind die größten Fehler von Pressestellen in Bezug auf Bildmaterial?

KOKOT: Da gibt es einige: Altes Material und veraltete Bildsprache, unbekanntes Aufnahmedatum, ungenügende Dateiinfos, zu kleine Vorschaubilder, „HighRes-Bilder“ haben zu kleine Dateigrößen. Zu wenig Auswahl: zum Beispiel nur Hoch- aber kein Querformat, nur Porträtfoto aber keine ganze Figur. Bildmaterial wird teilweise zu Gunsten von Videomaterial reduziert. Zu langsame Bearbeitung von Bildanfragen. Kein Feedback, ob und wann Fotos geliefert werden können. Das Bildangebot sollte laufend aktuell gehalten werden. Wünschenswert wäre auch, wenn zu wichtigen Themen immer wieder neue Fotos bereitgestellt würden!

Bild-PR Bildmaterial
Bitte keine alten Zöpfe! Unternehmen sollten ihr Bildmaterial immer wieder aktualisiert zur Verfügung stellen.

 

TREIBSTOFF: Wie hat sich die Arbeitsweise mit den Bildagenturen im Internet verändert?

MEZGER: Mit dem Internet können Bildredaktionen immer schneller und immer mehr Bilder recherchieren – die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Fotos können direkt über die Agenturwebsites oder bei Metaagenturen online recherchiert, gesichtet und übermittelt werden. Die Bildrecherche muss dabei besonders kritisch sein in Bezug auf manipulierte Bilder und Fake News.

TREIBSTOFF: Inwiefern hat sich der Beruf des Bildredakteurs mit der Digitalisierung verändert?

MEZGER: Durch die Digitalisierung haben sich die Arbeitsabläufe in der Bildredaktion massiv beschleunigt. Viele Arbeitsschritte und Berufsbilder – etwa der Scan-Operator – sind weggefallen. Die Arbeit am Rechner hat die haptische Arbeit mit Bildern ersetzt. Der Output an Bildern ist explodiert. Die Herausforderung besteht heute darin, in der zur Verfügung stehenden knappen Zeit das richtige Bild zum besten Preis zu beschaffen. Der Bildredakteur übernimmt zunehmend Tätigkeiten, die früher von den Bildagenturen geleistet wurden – wie Bildrecherche, Bilderdownload, Honorarberechnung, etc. Dadurch kann er sich schneller einen Überblick über vorhandenes Material verschaffen und Bilder jederzeit einkaufen. Gleichzeitig reduziert sich der Kontakt mit den Agenturen immer mehr und es stehen weniger feste Ansprechpartner zur Verfügung.

TREIBSTOFF: Was bedeutet es für die Bildredaktion, wenn Inhalte nicht nur Print, sondern auch online und dann auch noch multimedial (Bild und Video) zur Verfügung gestellt werden?

MEZGER: Für die Online-Verwendung ist eine umfangreichere Rechteklärung und besondere Sorgfalt notwendig. Was einmal fehlerhaft im Internet gelandet ist, kann nur schwer wieder korrigiert werden.

TREIBSTOFF: Wie sieht der Arbeitsalltag eines Bildredakteurs in zehn Jahren aus?

MEZGER (lacht): In zehn Jahren wird es den Beruf des Bildredakteurs in der jetzigen Form nicht mehr geben. Entweder hat er bis dahin zusätzliche Aufgaben übernommen – etwa fotografieren, filmen, layouten, schreiben und CMS-Datenbanken umfassend pflegen. Oder seine Tätigkeit wird aus Kostengründen zunehmend outgesourced beziehungsweise von anderen Berufen übernommen.

Ihr Kommentar