Kindheit 5.0 – Schneller, höher, besser?

WhatsApp, YouTube, SnapChat – Für Jugendliche gehört das Internet ganz selbstverständlich zum Alltag. Und zwar von morgens bis abends. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Heranwachsende. Er ist sich sicher: Die nächste Generation wird alles besser machen.

„Es besteht kein Grund zum Pessimismus“, ist Michael Schulte-Markwort überzeugt. Seinen Optimismus strahlte der Kinder- und Jugendpsychiater auch auf unserer Veranstaltungsreihe „PR-Slam & Ham“ am 29. April in Berlin aus. So haben Erwachsene immer schon die Entwicklung von Jugendlichen kritisch beäugt. Vorurteile ziehen sich durch alle Jahrhunderte: von Aristoteles, der die Jugend unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich fand, bis hin zu heutigen Meinungsmachern, die den Jugendlichen digitale Demenz vorwerfen.

Auch wenn die Digitalisierung durchaus Gefahren für die Heranwachsenden birgt, glaubt Schulte-Markwort an das Positive: „Auch unsere Kinder werden – genauso wie wir – davon getragen sein, unsere Welt zu verbessern, sie friedlich und lebenswert zu erhalten. Und sie werden es besser machen als wir!“

Digitalisierung Kinder

 

Die Herausforderungen für die Jugendlichen in Zeiten rasanter technischer Veränderungen sind allerdings groß. Schulte-Markwort nennt das Kindheit 5.0. Der Begriff zeigt, unter welchem Anpassungs- und Leistungsdruck die Kinder von heute stehen. Schlagworte wie Web 2.0 oder Industrie 4.0 suggerieren, dass der technische Fortschritt immer größere Anforderungen bereit hält. „Wenn man sich vorstellt, wie Kinder darauf reagieren oder wie Kinder sich dieser Entwicklung anpassen sollen, dann denkt man unmittelbar daran, dass sie das eigentlich noch toppen müssen.“

Aber wie ticken die Digital Natives? Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf das Sozialverhalten von Kindern? Schulte-Markwort glaubt nicht, dass sich Struktur- und Qualität von Beziehungen grundlegend geändert haben. Zwar findet Kommunikation in einem viel schnelleren Tempo statt, aber die Wertvorstellungen der Kinder sind die gleichen wie vor 20 Jahren. Der Trend, möglichst viele Kontakte in einem sozialen Netzwerk zu haben, ist schon wieder rückläufig. Das, was zählt, sind die Familie und wirkliche Freunde, egal ob im analogen oder digitalen Leben, so der Kinderpsychiater.

Daher lernen die Kinder auch weiterhin soziale Kompetenzen wie etwa Teamfähigkeit. Voraussetzung ist – wie auch schon in analogen Zeiten – ein gesundes soziales Umfeld. Gibt es das nicht, kann das Abtauchen in virtuelle Welten Suchtverhalten und Vereinsamung fördern. Die Digitalisierung kann aber auch genau den gegenteiligen Effekt erzielen und die „soft skills“ stärken. In vielen Bereichen der digitalen Welt – etwa Gaming oder Online-Bildung – lernen die Kinder in einem virtuellen Team. Fähigkeiten, die gerade in einer vernetzten Arbeitswelt immer wichtiger werden.

Weniger optimistisch beurteilt Michael Schulte-Markwort dagegen die Auswirkung der Digitalisierung auf das Konsumverhalten. Jugendliche definieren sich seit Generationen über ihre Peer Group und die Güter, die diese Gruppe erstrebenswert findet. Nur setzt der Konsumdruck heute schon viel früher ein.

Kindheit 5.0: Auch im digitalen Leben kommt es auf Beständigkeit an. Das meint Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Ärztlicher Direktor der Kinder-und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und dem Altonaer Kinderkrankenhaus. Er ist bekannt für seine Bücher über Burn Out Kids und Schulängste.
Kindheit 5.0: Auch im digitalen Leben kommt es auf Beständigkeit an. Das meint Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Ärztlicher Direktor der Kinder-und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und dem Altonaer Kinderkrankenhaus. Er ist bekannt für seine Bücher über Burn Out Kids und Schulängste.

 

Außerdem bildet sich heute unter jungen Menschen eine extreme Individualisierung innerhalb des Gruppenmainstreams heraus. „Das bedeutet, es gibt bestimmte Wiedererkennungswerte, zum Beispiel beim Thema Kleidung, aber es wäre undenkbar, dass alle den gleichen Parka tragen.“ Gerade das Beispiel Mode zeigt, wie sich die virtuelle Realität mit ihren vielen Möglichkeiten der Repräsentation auf das Selbstverständnis der Jugendlichen auswirkt. Es gibt nicht mehr nur noch eine Identität, sondern viele.

In der Kindheit 5.0 sind aber auch die Erwachsenen gefordert. Kinderpsychiater Schulte-Markwort richtet einen dringenden Appell an sie: Schule sollte nicht nur ökonomisch gedacht werden. Wenn wir betriebswirtschaftliche Maxime auf das Lernen übertragen, setzen wir die Heranwachsenden unter einen Druck, der vielfach nach hinten losgeht. Burnout macht inzwischen auch vor Kindern nicht mehr Halt.

Zwar müssen die Entscheider von morgen schon heute lernen, wirtschaftlich zu denken. Auch gerade in Hinblick auf einen immer härter werdenden globalen Wettbewerb. Aber das Leistungsprinzip sollte weder in der Schule noch später in der Arbeitswelt das alleinige Maß aller Dinge sein. „Auch große und moderne Unternehmen überstehen nur, wenn sie gleichzeitig ein Wertesystem etablieren, mit dem sich ihre Mitarbeiter identifizieren können. Es geht nicht darum, Leistung einzuschränken oder grundsätzlich gegen Leistung zu sein, sondern diese mit menschlichen Werten zu verbinden.“

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