Ohne Info keine Grafik – Was Unternehmen beachten sollten

Blickt man zurück in die Geschichte der Infografik, fällt auf, dass journalistische Erklärstücke eine lange Historie haben. Doch was müssen Unternehmen heute berücksichtigen, wenn sie Infografiken als Kommunikationsmittel einsetzen wollen? Von Michael Stoll

Michael Stoll Infografiken
Prof. Michael Stoll studierte bis 1991 Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Konstanz. Bis 2005 arbeitete er als freier Gestalter und Infografiker u.a. für Zeitungsverlage in Süddeutschland. 2005 wurde er als Professor an die Fakultät für Gestaltung der Hochschule
Augsburg berufen. Dort unterrichtet er Informationsdesign mit Schwerpunkt Infografik und Newsdesign. Darüber hinaus ist er Dozent an der Hochschule Darmstadt und der Uni von Neuchâtel. Foto: Andreas Kunert

Infografiken gibt es schon seit der Anfangszeit des Journalismus, als Zeitungen noch „Zeyttungen“ hießen und der Druck mit beweglichen Lettern gerade erfunden war. So wurden Berichte um erklärende Illustrationen ergänzt, deren Gestaltung die Leser einlud, sich die Fakten der Geschichte sukzessive zu erschließen.

Schon damals beschränkte sich die bildgestützte Kommunikation nicht allein auf Nachrichtenmedien. Ein Beispiel: Augsburg war im 17. Jahrhundert bekannt für seine flächendeckende Trinkwasserversorgung, die mit wasserkraftbetriebenen Pumpen und Wassertürmen umgesetzt wurde. Um neugierige Stadtbaumeister anderer Städte über das Augsburger System zu informieren, entstanden um 1748 sechs große in Öl gemalte Grafiken zum Aufbau der Wassertürme, zur Mechanik der eingesetzten Wasserpumpen und zum gesamten Rohrsystem.

Verfolgt man die Geschichte der Infografik bis in die Gegenwart, entdeckt man immer wieder außergewöhnliche Projekte, die oft gar nicht oder nur marginal journalistisch geprägt sind, aber dennoch qualitativ hochwertig sind – was die Faktentreue, Konzeption der Vermittlung und die Gestaltungshöhe angeht. In diese Gruppe fällt Leonardo da Vincis vitruvianischer Mensch ebenso wie Traugott Brommes Atlas zu Alexander von Humboldts Werk „Kosmos“.

Bromme Humboldt Atlas Infografiken
Faktentreu, informativ und von höchster gestalterischer Qualität: Traugott Brommes Atlas visualisiert die physische Welt, wie sie Humboldt in seinem Werk „Kosmos“ beschreibt. 

 

Auch in der Zeit der industriellen Revolution und danach wuchs in Unternehmen der Bedarf an faktenorientierter Kommunikation. Da gab es zum Beispiel den Flugpionier Assen Jordanoff, dessen infografisch illustrierte Bücher zur Fluglehre noch einigermaßen bekannt sind. Fast vergessen ist aber, dass Jordanoff in seinem Grafikbüro über 200 Fachleute beschäftigte und für das amerikanische Militär Betriebsanleitungen gestaltete – für Feuerlöscher ebenso wie für den B-29-Bomber oder luftstrategische Lehrbroschüren.

Diese und viele weitere Beispiele unternehmerischer Infografiken vor Augen, war ich eher neugierig als überrascht, als 2014 das Energieunternehmen LEW der Hochschule Augsburg ein infografisch ausgerichtetes Kooperationsprojekt vorschlug. Ziel des Projekts war, Dienstleistungen und Angebote aus dem Bereich erneuerbare Energien mit Infografiken zu erklären, etwa Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen oder E-Mobility-Lösungen. Insgesamt ging es um sieben Angebote, über die das Unternehmen LEW medial informieren wollte.

LEW Infografiken
Wie funktioniert eine Wärmepumpe? Die Hochschule Augsburg hat mit dem Energieunternehmen LEW verschiedene Infografiken zu erneuerbaren Energien erarbeitet. Grafik: LEW

 

Aus dieser sehr gelungenen Zusammenarbeit lassen sich einige Schlüsselaspekte ableiten, die Unternehmen berücksichtigen sollten, wenn sie Infografiken als Kommunikationsmittel einsetzen:

1. Viele Unternehmen haben früh den Wert schlüssig gestalteter Außenkommunikation erkannt und von Agenturen Corporate-Identity- und Corporate-Design- Programme entwickeln lassen, die den koordinierten Einsatz von Wort- und Bildmarke, Unternehmensfarben, -typografie, aber auch -architektur ermöglichen. Oft sind auch Bild- und Illustrationssprache oder Jingles (Sounddesign) integriert. Unternehmen sind gut beraten, ihre Corporate-Identity- und Corporate-Design-Programme um entsprechende Kapitel zu Zahlen-, Sach- und Kartografik erweitern zu lassen, damit sich Infografiken harmonisch in das Gesamterscheinungsbild integrieren lassen. Dabei geht es aber nicht allein um die visuell-grafische Integration von Infografik, sondern auch um die Struktur, Strategie und Tonalität der Grafiken.

2. Eine Infografik zu komplexen Themen ist Teamarbeit. Wenn es um die Planung, Konzeption, Gestaltung und Programmierung unternehmerischer Erklärstücke geht, sind Akteure mit unterschiedlichen Qualifikationen gefragt: etwa Infografik-Gestalter, die in der Lage sind, Grafiken medienübergreifend zu konzipieren und zu gestalten. Layouter mit einem Gespür dafür, wie Infografiken sich in Printprodukten, auf Desktop- und Smartphone-Displays integrieren lassen. Animations-Experten, die wissen, wie komplexe Sachverhalte anschaulich in Animationen zerlegt werden können. Programmierer, die sich mit Displaygrößen und Browserversionen auskennen.

3. Teamarbeit ist auch auf Unternehmensseite gefragt: „Ohne Info keine Grafik“ ist der Wahlspruch der Infografik-Abteilung eines großen deutschen Zeitungsverlags. Marketingexperten in Unternehmen sind häufig überrascht, welchen Grad an Verbindlichkeit Infografiken herstellen. Während Texte und Bilder häufig Interpretationssache sind, müssen die in Infografiken dargestellten Fakten stimmen. Deshalb empfiehlt es sich, auf Unternehmensseite Ingenieure, Produktentwickler und Kundenberater ins Team zu holen. Häufig wissen sie präzise über Fakten und Zusammenhänge Bescheid.

4. Die unternehmerische Infografik entsteht wegen der Komplexität der Themen in großen Zyklen, Sachverhalte können sich bis zuletzt elementar verändern. Eine Infografik-Konzeption muss das berücksichtigen und zeitnahe Anpassungen ermöglichen. Idealerweise ist die unternehmerische Infografik modularisiert: integrierte Gestaltungsraster für Text-, Bildund Grafikelemente sind hier ein guter Ausgangspunkt, einheitliche Grafikstile, standardisierte Grafikelemente und übergreifende Farbklimata führen zu einem einheitlichen Look.

5. Wollen Unternehmen die Infografik in ihren Kommunikationsmix aufnehmen, lohnt sich ein Blick in die großen Medienhäuser. In kaum einer anderen Branche sind Infografiken in all ihren Spielarten besser integriert. Von Redaktionen wird sie als integraler Bestandteil der Nachrichtenvermittlung gesehen, die nicht nur die Vermittlung schlecht zugänglicher, abstrakter und komplexer Nachrichten erleichtert, sondern darüber hinaus wesentlich zur Glaubwürdigkeit, Attraktivität und zum modernen Eindruck des Medienhauses beiträgt.

Fazit: Infografiken sollten schlüssig zum Gesamterscheinungsbild eines Unternehmens passen – sie sind ein Teil der Corporate Identity. Modularisierte Grafiken erleichtern die Arbeit, standardisierte Elemente führen zu einem einheitlichen Look. Und: Die Fakten müssen stimmen, denn Grafiken schaffen Verbindlichkeit!

Der Beitrag von Michael Stoll erschien ursprünglich im aktuellen dpa-Whitepaper „Sag’s mit Grafiken – Komplexe Sachverhalten auf den Punkt bringen“.

 

 

Kommentare (1)

  1. […] bei ihrer Strategie mit visualisierten Informationen achten sollen, haben wir in unserem letzten Beitrag beschrieben. Heute wollen wir wissen, mit welchen Trends zukünftig zu rechnen ist. TREIBSTOFF hat […]

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