Kongress der Deutschen Fachpresse 2016: Fachmedien in Blau-Grau

Berlin im Mai. Die Sonne scheint in der Hauptstadt. In Laufweite vom Zoologischen Garten treffen sich rund 550 Vertreter der deutschen Fachmedien. Das jährliche Klassentreffen der Branche steht an. Themen, die den Kongress der Deutschen Fachpresse 2016 beherrschen: Digitalisierung, Content Marketing, neue Geschäftsmodelle und Big Data. Und: Blau und Grau.

Von Petra Busch, Geschäftsbereichsleiterin zimpel bei news aktuell

Petra Busch zimpel Kongress der Deutschen Fachpresse
Alles andere als Grau-Blau: Für Petra Busch, Leiterin Geschäftsbereich zimpel bei news aktuell, haben die Fachverlage noch einige spannende Ideen im Köcher: Foto: Robert Schlesinger

„Blau und Grau sind die vorherrschenden Farben der Anzüge. Immer noch sehr stark männlich dominiert, findet nur eine einzige Frau an den zwei Kongresstagen den Weg auf das Podium und auch die Workshop-Sessions an Tag zwei könnten durchaus durch weibliche Rednerinnen bereichert werden.

Wie die frisch aufgelegte B2B-Entscheideranalyse zeigt, erfreut sich die Fachpresse nach wie vor sehr guter Resonanz. 94% der acht Millionen professionellen Entscheider nutzen Fachmedien. Damit wird die B2B-Kernzielgruppe fast flächig erreicht. Wenngleich 95% aller unter 40-Jährigen Fachmedien nutzen, werden dennoch die Printprodukte noch immer den digitalen vorgezogen. Fast einen Arbeitstag pro Monat wird in die Lektüre investiert. Lesewerte rund um Markt und Trends, die Stärkung der eigenen Fachkompetenz sowie Markttransparenz setzen die Impulse für Kaufentscheidungen, die dann über andere Kanäle weiter verfolgt werden. Der Glaubwürdigkeit der Inhalte kommt hier besondere Bedeutung zu.

Die Studie bestätigt ihren eigenen Markt mit einem Gesamtumsatz von 3,35 Millionen Euro und man feiert sich. Was also treibt die Fachverleger in Berlin um in diesem Jahr, wenn es nicht dringende Probleme sind?

Themen im Fokus sind die Digitalisierung, Content Marketing, neue Geschäftsmodelle und Big Data.

Mit der Aussage von Bernd Kolb, jeder Fachverleger müsse absehbar 50% seiner Erlöse digital erwirtschaften, gerät der gesamte Saal ins Raunen. Ein wunder Punkt scheint berührt.

Gerrit Klein vom Ebner Verlag erfrischt mit seinem Bericht über die digitale Transformation im Ebner Verlag. Weg von der Produkt- und hin zu einer strikten Kundenorientierung. Die gezielte digitale Ausspielung und das Tracking der Verwertung des eigenen Contents gehören dabei ebenso zur Erfolgsstrategie wie das gemischte Portfolio vom gedruckten Fachtitel bis hin zur hochwertigen Luxusuhr. Als „Transaction Editors“ gehen die Anforderungen an Redakteure zunehmend über rein journalistische Tätigkeiten hinaus. Im Umgang mit digitalen Marketing-Instrumenten, SEO-Tools, CMS und CRM-Systemen beobachtet der Redakteur seine Zielgruppe zur Optimierung der Resonanz seiner Artikel.

Digitale Kundenorientierung bedeutet bei Thieme, ihre medizinischen Fachtitel als App zur Verfügung zu stellen. Bei Beltz werden jetzt alle neuen Produkte von vornherein digital gedacht und crossmedial produziert. Dies nicht zu tun, kommt einem Verlag teuer zu stehen, sagt Franziska Schiebe vom Beltz Verlag – eine der wenigen Frauen – an Tag zwei in ihrem Workshop.

Der Ausbau verlagsinterner IT ist bedeutend. Durch Outsourcing seien Kompetenzen bei Verlagen vor allem im Hinblick auf Prozessmanagement verloren gegangen. Das wurde bei vorgestellten Studienergebnissen zur Sicht digitaler Mediendienstleister deutlich.

Die Tür lässt sich kaum öffnen, so gut besetzt ist der Raum, in dem es um neue Geschäftsmodelle und die Zusammensetzung des eigenen Portfolios geht. Die Zuhörer hängen buchstäblich an den Lippen der Präsentatoren. Man kann förmlich sehen, wie das Fachpublikum die präsentierten Inhalte im Kopf bereits mit dem bestehenden eigenen Geschäftsmodell vernetzt. Der Versuch, den digitalen Kick zu finden, der dem eigenen Verlag eine prosperierende Zukunft beschert, lässt die Luft langsam dick werden. Deutlich zeigt sich, wie sehr dieses Thema die Fachverleger beschäftigt.

Sicher ist auch für die Fachverlage: Sinkende Print-Auflagen bedeuten nicht zwangsläufig sinkende Reichweiten. Digitalisierung muss auch weiterhin als Chance zur Reichweitensteigerung mit neuen Kanälen und vielfältigen Möglichkeiten verstanden werden.

So wurden auch bereits bestehende Innovationen vorgestellt, die zeigen, wie Fachpresse neu gedacht werden kann. Der Verlag Friedrich Öttinger hat mit StoryDOCKS beispielsweise eine Tochtergesellschaft für digitale Innovationen gegründet, die verlagsinterne Marken weiterentwickeln und Startups stärken soll. So werden mittels Tablet Inhalte erlebbar und Figuren aus dem Lieblingsbuch der eignen Kinder lebendig.

Julia Köberlein dagegen zeigte, wie Berichterstattung auch funktionieren kann. Der Kontext spielt auf das Bedürfnis an, alle Zusammenhänge eines Themas zu verstehen und sich mittels dieser Basis eine fundierte Meinung bilden zu können. Eine multimedial aufbereitete Themenmap als ganz neuartig gedachtes Konzept.

Wir dürfen darauf gespannt sein, wie uns in Zukunft Fachinhalte als Leser noch besser erreichen. Für mich sieht es so aus, als hätten die Fachverlage noch einige spannende Ideen im Köcher.“

 

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