Notruf Hafenkante: Zwischen Realität und Fiktion

Ein Polizeieinsatz im Morgengrauen: Zwei Polizisten müssen einen Streit zwischen alkoholisierten Jugendlichen und einem Türsteher schlichten. Die Situation eskaliert. Die ZDF-Serie „Notruf Hafenkante“ zeigt den Alltag der Hamburger Polizei. Für ihre authentische Darstellung erhielt das Produktionsteam in diesem Jahr den Polizeistern der Polizei Hamburg. Sie berät die Schauspieler seit dem Start der Serie in 2007. Wie sieht das Zusammenspiel zwischen Polizei und Filmteam konkret aus? TREIBSTOFF sprach mit Matthias Schloo, der in der Serie den Oberkommissar Mattes Seeler spielt. 

Matthias Schloo Polizeiarbeit Notruf Hafenkante
„Die Polizeiarbeit quasi mit der Muttermilch aufgesaugt“: Matthias Schloo spielt seit acht Jahren den Oberkommissar Mattes Seeler in der ZDF-Vorabendserie „Notruf Hafenkante“. Foto: Christian Hager 

TREIBSTOFF: Wer ist Dein Lieblingskommissar und warum?

SCHLOO: Als Heranwachsender war das natürlich Schimanski, an dem kam man nicht vorbei. Er hat mich nachhaltig beeindruckt. Götz George hat die Rolle „Schimanski“ geprägt. Er ist bis heute unerreicht. Obwohl es auch heutzutage viele schöne Formate gibt, die alle für sich stehen. Sie leben – ebenso wie unser Format – von dem Ensemble und dem Ganzen drum herum.

TREIBSTOFF: Könnte man Schimanski heute noch einmal drehen?

SCHLOO: Einen Ansatz gab es ja schon mit „Der letzte Bulle“. In erster Linie geht es immer um Typen. Dabei muss es nicht unbedingt der Schimanksi-Typ sein. Man kann auch einen neuen Typus erfinden, der bei den Zuschauern gut funktioniert. Schimanski traf natürlich damals einen Zeitgeist: weg vom drögen Krimimuff hin zum Ruhrpott-Typen, der sagt „Pass auf, sonst kriegst du gleich eine Backpfeife!“

TREIBSTOFF: Wie kann ein Krimi das Bild einer Stadt prägen?

SCHLOO: Auch da kommt es sehr stark auf das Format an. „Notruf Hafenkante“ ist aus Hamburg überhaupt nicht wegzudenken. Wir bilden quasi eine Einheit mit Hamburg. Letzten Endes kann man mit einer guten Formel, die funktioniert, jedes Format überall machen.

TREIBSTOFF: Die Polizei Hamburg bezeichnet „Notruf Hafenkante“ als besonders authentische Serie.

SCHLOO: Das ist auf jeden Fall unser Anspruch. Man kann es natürlich schwer überprüfen, aber wir freuen uns sehr über dieses Lob. Wir sind sogar vom Polizeipräsidenten mit dem Polizeistern ausgezeichnet worden, sozusagen für unser Engagement für die Polizei. Wir arbeiten natürlich auch eng mit der Polizei zusammen. Wir haben einen polizeilichen Berater, der die Drehbücher liest.

TREIBSTOFF: Wie ist das bei der Polizei Hamburg aufgehängt? Geht das direkt über die Pressestelle?

SCHLOO: Nein, die Drehbücher liest ein Polizist im Ruhestand, der auch die Bücher abnimmt.

TREIBSTOFF: Der quasi all das schon erlebt hat?

SCHLOO: Er ist schon seit Anfang an dabei und hat sehr viel erlebt, kann daher aus seinen Erfahrungen enorm schöpfen. Dank dieser guten Begleitung haben wir im Team mittlerweile sehr viel Kenntnis gewonnen, so dass wir in einigen Situationen schon intuitiv handeln. Deshalb kann es schon vorkommen, dass ich unsere Kameramänner belehre: „Moment, das können wir jetzt aber nicht machen“ oder „Das geht aus polizeilicher Sicht gar nicht“. Beim Filmen müssen wir oft einen Kompromiss finden. Aber ich versuche trotzdem, so nah an der Polizeirealität zu bleiben wie möglich.

TREIBSTOFF: Blickst Du dann andersherum auch durch die Brille des Polizisten auf die Dinge in der Stadt?

SCHLOO: Ja, mein Blick ist geschult, aber ich war auch schon immer ein Typ, der mit offenen Augen durch die Gegend läuft und seine Umgebung scannt.

TREIBSTOFF: Wie nah ist „Notruf Hafenkante“ tatsächlich an der Realität? Letztens ging es um Hundefleisch in einem chinesischen Restaurant.

SCHLOO: Da hast du dir natürlich gleich ein dramaturgisches Schmankerl rausgesucht. Mal abgesehen davon, dass es bei dem Chinesen kein Hundefleisch zu essen gab, kann man behaupten, dass 80 Prozent unserer Fälle auch in der Presse zu finden sind. Wir inszenieren stark aus dem täglichen Leben. Das merkst du auch bei dem Drehbuchautoren-Treffen. Die Autoren bedienen sich oft an der Realität. Auch die Polizeiarbeit ist gut vorbereitet und recherchiert.

Interview Matthias Schloo Jens Petersen Notruf Hafenkante
Matthias Schloo im Gespräch mit TREIBSTOFF-Chefredakteur Jens Petersen. Foto: Christian Harder

 

TREIBSTOFF: Was findet noch statt an konkreter polizeilicher Beratung? Ist beim Dreh jemand dabei, der euch vor Ort berät?

SCHLOO: Nein, denn das haben wir schon ziemlich verinnerlicht. Wenn du zehn Jahre einen Polizisten spielst – bei mir sind es jetzt acht  – geht das irgendwann in Fleisch und Blut über. Ich fahre regelmäßig mit auf Streife und bin jetzt vier oder fünf Mal mit auf Schicht gewesen, um mir den Polizeialltag immer wieder vor Augen zu führen. Durch unsere dramaturgische Dichte hast du öfter mal die Pistole in der Hand, als ein Kollege im richtigen Dienst.

TREIBSTOFF: Wie war das Mitfahren im Polizeiwagen während einer Schicht? Spannender als das Filmset?

SCHLOO: Ja, das kann ich dir sagen. Wenn die Polizei das Blaulicht anhaut und die Gesichter ernst werden, weil die Einbrecher vor Ort sind, dann ist der Spaß ganz schnell vorbei. Das merkt man auch hinten auf dem Rücksitz. Was auch sehr lehrreich war: Wir waren einmal im Polizeiausbildungszentrum. Dort haben wir ganz praktische Sachen gemacht, etwa wie man Handschellen am Gürtel postiert, wie man am besten einen Verdächtigen mit einer Hand sichert oder wie man Verdächtige in ihrem Fahrzeug anspricht.

TREIBSTOFF: Manchmal zückst Du dann doch Deine Waffe am Filmset. Wie habt ihr das geübt?

SCHLOO: Einmal durch Schießtraining bei der Polizei. Außerdem lasse ich mich als Schauspieler sehr von amerikanischen Produktionen inspirieren. Es macht halt schon Spaß, à la Jack Bauer durch die Gänge zu fetzen, wenn wir ein Gebäude durchsuchen. Diesen Spaßfaktor hat ein echter Polizist vor Ort sicher eher weniger.

TREIBSTOFF: Gibt es auch Situationen, in denen ihr euch komplett von der Realität löst?

SCHLOO: Man denkt immer, das ist alles total verrückt, was man im Fernsehen sieht. Aber die Realität ist meist noch verrückter. Natürlich picken wir uns dramaturgisch die Perlen raus – großer Herzschmerz und Happy End. Aber wie gesagt, unsere Fälle sind schon real. Wenn wir noch realer werden würden, etwa die Tristesse des Polizeialltags zeigten, fänden das die Zuschauer wahrscheinlich gar nicht gut.

TREIBSTOFF: Inwiefern zahlen Serien wie „Notruf Hafenkante“ oder andere regionale Produktionen auf das Image der Polizei Hamburg ein?

SCHLOO: Ich bin davon überzeugt, dass unser positives Image auch auf die Polizei abfärbt. Obwohl die Polizei das eigentlich nicht nötig hat, wenn man bedenkt, was sie da so Tag für Tag abliefert. Die Polizeiarbeit hier in Deutschland spricht für sich selbst. Wir haben eine super Polizei, nicht nur in Hamburg, auch im Rest der Nation. Viele können sich gar nicht vorstellen, was es bedeuten würde, wenn wir keine Polizei hätten. Viele sagen „Ich ruf jetzt die Polizei an“, aber wenn sie einen Strafzettel bekommen, dann ist der Teufel los.

TREIBSTOFF: Wenn wir mal ein bisschen weggehen von der Hafenkante: Was sind Deine nächsten Projekte?

SCHLOO: Meine zweite große Leidenschaft neben der Schauspielerei ist die Natur. Mein neues Projekt läuft unter dem Arbeitstitel „Schloo muss raus“. Das Konzept: Natur erlebbar machen. Ich möchte Leute an die Hand nehmen und die Natur durch Erlebnistouren erfahrbar machen: Das kann eine Geschichte am Lagerfeuer sein, Essen zusammen zubereiten oder draußen schlafen. Und schauen, was das mit einem ausmacht. Geplant sind in diesem Kontext auch noch ein TV-Format und Seminare. Ich könnte mir vorstellen, dass ich unter anderem ganz gezielt Touren für „echte“ Polizisten anbiete, die sich mal völlig losgelöst von ihrem Alltag auf die eigenen Sinne fokussieren möchten. Da ich aufgrund meiner Rolle mittlerweile sehr gut einschätzen kann, wie viel Druck da im Alltag herrscht, wäre das ein wunderbarer Ausgleich.

TREIBSTOFF: Was wäre Deine absolute Traumrolle, die Du gerne mal spielen würdest?

SCHLOO: Ich zehre ja in meinem Beruf von dem Spieltrieb meiner Kindheit. Da kommt man an Western-, Ritter- oder Piratenfilmen nicht vorbei. Für das deutsche „Pirates of the Caribbean“ würde ich mich durchaus zur Verfügung stellen. Johnny Depp hat natürlich die Messlatte hoch gelegt. Das war schon immer ein Traum. Ich mag halt Actionfilme und Martial Arts. Für „The Revenant“ mit Leonardo DiCaprio hätte ich mich zeitlich auch freigemacht (schmunzelt). Den hat er dann doch selbst machen müssen.

TREIBSTOFF: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Kommentare (1)

  1. Man muss wirklich sagen ein wunderbarer Artikel.
    Matthias Schloo ist ein toller schauspieler, einer der wenigen der noch auf den Boden geblieben und sehr Fannah ist.
    Also auf das Projekt bin ich schon sehr gespannt.
    Lieber Matthias bleib wie du bist mach weiter so. du bist Klasse

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