Pressefotograf im EM-Trainingslager: „Nichts verpassen“

Morgen startet die Europameisterschaft. Christian Charisius, Fotograf bei dpa, begleitete die deutsche Nationalmannschaft im EM-Trainingslager in Ascona. In TREIBSTOFF erzählt der Pressefotograf von seinem Arbeitsalltag, den speziellen Herausforderungen bei diesem Auftrag und was er nicht fotografieren durfte.

dpa-Fotograf Christian Charisius Pressefotograf
Christian Charisius, Pressefotograf bei dpa, ist seit knapp 30 Jahren Fotograf und seit über 20 Jahren im Nachrichtenjournalismus tätig. Foto: Patrick Stollarz

TREIBSTOFF: Wie sah dein Tagesablauf aus und bei welchen Gelegenheiten kamst du zum Einsatz?

CHARISIUS: Die Nationalmannschaft trainierte im kleinen Fußballstadion von Ascona. Der DFB hatte sogar extra für das Trainingscamp einen neuen Rasen verlegen lassen. Das gesamte Trainingsgelände war mit Sichtschutzmaßnahmen verhüllt, sodass man von außen keinen Einblick hatte. An den meisten Tagen hatten die Spieler zwei Trainingseinheiten, jeweils um 10:30 Uhr und um 17:00 Uhr. Mit täglichen Nachrichten via SMS informierte uns der DFB zu seinen Trainingseinheiten und lud uns zur täglichen Pressekonferenz um 12:30 Uhr ein. Meistens durften wir von der Zuschauertribüne am Anfang des Morgentrainings für 15 Minuten Fotos machen und das Training beobachten.

EM-Trainingslager Jogi Löw Pressefotograf
Nationaltrainer Joachim Löw bei einer Trainingseinheit in Ascona. Foto: Christian Charisius

 

Auf dem ehemaligen Flughafen von Ascona hatte der DFB für uns Journalisten ein großes Zelt als Medienzentrum aufgebaut. Das Zelt war unser provisorischer Arbeitsplatz, an dem wir die Bilder, Texte und Filme fertigstellten und an die Medienhäuser und Agenturen versendeten. Außerdem fand hier die tägliche Pressekonferenz statt. Neben dem Zelt standen viele Fernsehübertragungswagen für die Liveübertragung der PK und die zahlreichen Fernsehbeiträge der verschiedenen Sender. Aus Sicherheitsgründen wurde das Trainingsgelände und Medienzentrum von Security-Leuten überwacht, die uns und unsere Ausrüstung beim Eintreten jedes Mal kontrollierten.

TREIBSTOFF: Was sind bei so einem Auftrag die besonderen Herausforderungen für einen Pressefotografen?

CHARISIUS: Bei der dpa bilden Text und Bild eine wichtige Einheit, daher müssen beide Bereiche sehr engmaschig zusammenarbeiten und sich aufeinander abstimmen. Ich habe mich mit meinen dpa-Textkollegen Klaus Bergmann und Jens Mende jeden Tag abgesprochen, welche Spieler wir besonders auf dem Radar haben wollten. Dann besteht die Herausforderung natürlich darin, sie in guten Trainingssituationen einzufangen: Scherzende, lachende oder auch streitende Spieler sollte ich nicht verpassen.

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Mario Gomez signiert einen Fußball nach eine Trainingseinheit in Evian. Foto: Christian Charisius

 

TREIBSTOFF: Welche Restriktionen gab es?

CHARISIUS: Alle Aktivitäten im Mannschaftshotel sollten nicht fotografiert werden. Private Freizeitaktivitäten der Spieler, wie zum Beispiel Thomas Müller beim Golfspiel, sind eben privat und wir (dpa) respektieren das. Aber bei den entscheidenden, auch traurigen Momenten wie dem Kreuzbandriss von Antonio Rüdiger, sind wir natürlich dabei.

TREIBSTOFF: War es dann überhaupt noch möglich, ganz nah an die Spieler heranzukommen und intime Momente einzufangen?

CHARISIUS: Nein, in Ascona konnte ich die Spieler nur beim Training oder auf der Pressekonferenz fotografieren. Manchmal kamen sie mit Fahrrädern zum Training und fuhren dabei an wartenden Fans und uns Journalisten vorbei. Einige Spieler grüßten freundlich, andere fuhren vorbei. Auch das Mannschaftshotel war abgesperrt, sodass ein Einblick unmöglich war. Einzig am traditionellen Medientag, bei dem die Spieler wie beim Speeddating an zahlreichen Tischen saßen und von uns Journalisten je einige Minuten befragt werden konnten, kamen wir den Spielern näher als an anderen Tagen. In Ascona waren die Tische von Basti Schweinsteiger, Mats Hummels oder Toni Kroos um einiges höher frequentiert als die Tische von Julian Draxler, Leroy Sané oder Jonas Hector.

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Die Torhüter Manuel Neuer (links) und Marc-André ter Stegen (rechts) auf dem Weg zum Training in Ascona. Foto: Christian Charisius

 

TREIBSTOFF: Gab es Spieler, die besonders darauf erpicht waren, in die Medien zu kommen?

CHARISIUS: Mir ist kein Spieler aufgefallen, der sich beim Trainingslager besonders in den Vordergrund gespielt hat. Das wäre auch nicht im Sinne der Mannschaft. Jeder weiß aber, dass einige Spieler in den Sozialen Netzwerken sehr aktiv sind. Mesut Özil hat zum Beispiel 30 Millionen Fans auf Facebook und elf Millionen Follower auf Twitter.

TREIBSTOFF: Welches Bild ist Dir als Pressefotograf besonders im Gedächtnis geblieben?

CHARISIUS: Es gab eine Situation, als Lukas Podolski während des Trainings ganz alleine mitten auf dem Platz saß – auf einem Ball! Eigentlich ein absolutes No-Go, weil der Ball dabei ja kaputt gehen kann. Dieses Bild musste festgehalten werden.

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Lukas Podolski während einer Trainingseinheit der deutschen Nationalmannschaft in Ascona. Foto: Christian Charisius.

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