Radio-Journalismus: Ohne Telefon geht nichts

Dirk Polzin ist Reporter, Moderator und Redakteur beim SWR Hörfunk. Für ihn bei seiner täglichen Arbeit essentiell: O-Töne. Klar, dass er als Radio-Macher auf die telefonische Erreichbarkeit von Pressesprechern angewiesen ist. Doch daran scheitert es oft. In unserer TREIBSTOFF-Reihe „Wer liest eigentlich Pressemitteilungen?“ erzählt Dirk Polzin, welche Hürden er im Radio-Journalismus zu meistern hat. Und wie Unternehmen ihre PR für Audio-Medien optimieren sollten.

TREIBSTOFF: Würden Sie uns in ein paar Sätzen Ihren Arbeitsalltag beschreiben?

Radiomoderator Dirk Polzin Radio-PR Radio-Journalismus
„Herr Meier ist leider erst morgen wieder da.“ Im Radio-Business unerlässlich: kurzfristige Erreichbarkeit. Sonst ist die Story kalt. Dirk Polzin ist Reporter, Moderator und Redakteur beim SWR Hörfunk. Foto: SWR

POLZIN: Schwierig. Mein Arbeitsalltag sieht ganz unterschiedlich aus: Ich bin Reporter, Moderator und Redakteur im Wechsel, mal im SWR-Studio Friedrichshafen, mal im 20 Kilometer entfernten SWR-Korrespondentenbüro Ravensburg. Ich gestalte hauptsächlich das Regionalprogramm von SWR4 Baden-Württemberg mit, das zu festen Tageszeiten aus dem Studio Friedrichshafen kommt. Es unterbricht das landesweit ausgestrahlte SWR4-Programm mit Nachrichten, Beiträgen und Reportagen aus der Region Bodensee-Oberschwaben. In der Regel beginnt mein Arbeitstag um 8:45 Uhr mit der regionalen Themenkonferenz per Konferenzspinne, daran beteiligt sind das Studio Friedrichshafen und die Büros Biberach, Ravensburg und Konstanz. Typisch für meine Arbeit: Sachen auf den Punkt bringen, schnell arbeiten und einen kühlen Kopf bewahren, wenn der Beitrag erst zwei Minuten vor seiner Sendung fertig wird. Außerdem: den ganzen Tag viele, viele E-Mails sichten – auch solche, die PR sind.

TREIBSTOFF: Wie recherchieren Sie neue Themen?

POLZIN: Ausgangspunkt sind Pressemitteilungen, die per Mail, manchmal auch per Post kommen, aber auch Themen, die man in der Öffentlichkeit, etwa im Bekanntenkreis aufschnappt oder Dinge, die man „zugesteckt“ bekommt. Danach ist die Telefonrecherche das Maß aller Dinge. Sie macht einen Großteil der Arbeit aus. Recherchen vor Ort erfolgen bei Reporterdiensten. Immer wichtiger werden Infos im Internet, etwa wenn man für einen Bericht wissen möchte, wie viel Umsatz ein Unternehmen zuletzt gemacht hat.

TREIBSTOFF: Wie muss PR-Material aussehen, mit dem Sie etwas anfangen können?

POLZIN: Ich muss auf einer DIN-A4-Seite über das Wichtigste informiert sein! Schon die ersten beiden Sätze müssen meine Neugier wecken. Der Text sollte in Radiosprache verfasst sein: einfache, verständliche und kurze Sätze. Das Wichtigste bitte an den Anfang und die sechs W’s beachten. Sprachlich bitte keine Lobhudelei in eigener Sache, sondern erklären, warum zum Beispiel ein neues Produkt auch meine Oma faszinieren dürfte. Bitte so wenige Fachbegriffe wie nur möglich verwenden und dann so erklären, dass sie auch der Laie versteht. Da wir auch im Radio immer ans Internet denken müssen, bitte aussagekräftige Fotos in den Mail-Anhang. Beispiel: Bei einem neuen Produkt bitte nicht den Vorstandsvorsitzenden ablichten, sondern das Produkt. PR-Material am besten immer per Mail schicken, Pressemappen bitte nur noch auf Pressekonferenzen!

Radio-Journalismus
Einen kühlen Kopf bewahren, wenn der Beitrag erst zwei Minuten vor seiner Sendung fertig wird: Alltag eines Radio-Redakteurs. Foto: Dirk Polzin

 

TREIBSTOFF: Welche Fehler machen Absender von PR-Material immer wieder?

POLZIN: Im Radiobusiness besonders ärgerlich: Eine Firma, Institution oder Behörde schickt eine Mitteilung mit interessantem Inhalt. Für ein Interview oder weitere Infos ist telefonisch aber niemand zu erreichen, nicht einmal ein Pressesprecher. So etwas kommt in unserem Bereich häufig vor und geht überhaupt gar nicht. Wenn man hört „Herrn Maier können Sie morgen wieder erreichen“, müssen wir leider oft sagen: „Sorry, dann ist die Story durch“. Oft wird PR-Material an die völlig falsche Redaktion geschickt: Als Regionalradio für die Bodenseeregion interessieren mich Kunstausstellungen in Berlin herzlich wenig, es sei denn sie haben irgendetwas mit meiner Region zu tun.

Beim Mailversand wird immer öfter im Textfeld nur auf eine Pressemitteilung im Anhang verwiesen. Man muss ihn also erst öffnen, um zu wissen, worum es geht. Das aber sollte ich schon im Betreff einer Mail erfahren oder zumindest im Textfeld. Geht es um Presseeinladungen, stehen Ort und Zeit einer PK oft im Fließtext. Sie sollten aber gut sichtbar im Kopf des Schreibens stehen. Fehlen zudem telefonische Kontaktdaten des Absenders, ist das ein absolutes No-Go. Bei Nachfragen zu einer Pressemitteilung haben Pressesprecher oft keine Ahnung und müssen erst selbst recherchieren. In solchen Fällen ist der Text dann meistens eine Katastrophe. Können sie sofort einen passenden Ansprechpartner vermitteln, kein Problem. Falls nicht, ist so etwas peinlich.

 

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