Trends in der Fotografie: Bilder-Doping versus #nofilter

Sie sind opulent, laut und grell. Zurückhaltend, nüchtern und leise. Bilder sind immer schon Ausdruck unserer Zeit und spiegeln bestimmte Entwicklungen und Vorlieben wider. Doch welche Trends bestimmen die aktuelle Fotografie? Wir haben bei den Jury-Experten unseres PR-Bild Award nachgefragt. Ihre Meinung zeigt: Egal, ob Journalismus, Werbung oder PR – noch nie gab es so viele verschiedene Trends gleichzeitig.

Hans-Peter Junker, Chefredakteur VIEW: 

Hans-Peter Junker zu Fototrends
Hans-Peter Junker, Chefredakteur VIEW

„Seit einiger Zeit beobachte ich einen bedenklichen Trend in der Fotografie. Selbst im Nachrichtenbereich drehen Fotografen den Kontrast und die Farbigkeit ihrer Bilder immer höher – inspiriert vom Erfolg von HDR-Bildern und Instagram-Filtern. Dieses Bilder-Doping richtet großen Schaden an. Zum einen entspricht das, was auf diesen Bildern zu sehen ist, immer weniger dem, was das menschliche Auge in der realen Situation wahrnimmt. Das Ereignis wird überdramatisiert. Die Wirklichkeit erscheint dagegen blass. Zum anderen greifen ja viele Redaktionen gern zu diesen Bildern – mit der Folge, dass sich noch mehr Fotografen diesem Trend anschließen. Das Schlimme daran: Wenn alle ihre Bilder bunter und damit lauter machen, verliert dieser Effekt seine Besonderheit. Übrig bleibt nur Geschrei.“

 

Frank Behrendt, Senior Advisor fischerAppelt:

Frank Behrendt über Trends in der Fotografie
Frank Behrendt, Senior Advisor fischerAppelt

„Wenn man überhaupt so etwas wie einen Trend erkennen will, dann ganz klar in Richtung User Generated Content: Durch Smartphones, Social Web & Co. übersteigt die Anzahl von nutzergenerierten Bildern mittlerweile deutlich den Umfang von Editorial Content. Plattformen wie Instagram sind ein gutes Beispiel. Zigtausende Bilder – pro Sekunde! Warum? Wir leben in einer Zeit des Point-and-Shoot-and-Share. Was fotografiert wird, geht auch online. Egal, wie es aussieht. Aktuell wird im Social Web vermehrt Bildmaterial recycelt und remixed oder sogar pseudo-amateurhaft produziert. Was (bewusst) fehlerbehaftet ist, wirkt vermeintlich besonders authentisch. Das passt in die Zeit, die Native Advertising statt Hochglanz-Werbung propagiert.“

 

Alessandro della Valle, Chief Photographer KEYSTONE: 

Alessandro della Valle über Trends in der Fotografie
Alessandro della Valle, Chief Photographer KEYSTONE

„Die klassische Reportagefotografie mit strenger grafischer Bildsprache und klarem Bildinhalt, welche unter anderen von Henri-Cartier Bresson begründet und weiterentwickelt wurde, bleibt aktuell und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Anderes kommt und geht. In den 2000er Jahren war es zum Beispiel angesagt, die Bilder überzubelichten. Ein Stil, der in der Mode begann und sich dann in der dokumentarischen Fotografie verbreitete. Und bereits wieder weitgehend verschwunden ist. In den 80er und 90er Jahren musste ein Agenturbild üblicherweise von vorne bis hinten scharf und ausgeleuchtet sein. Aktuelle Bilder, welche nur eine Wimper der Sprechenden im Fokus zeigen und den Rest in der Unschärfe verschwinden lassen (Bokeh), wären noch vor 15 Jahren im Papierkorb verschwunden. Insofern hat die Kreativität ihren Weg in die Agenturfotografie gefunden: Die verschiedenen Zweige – Kunst-, Reportage-, Werbe- oder Modefotografie – verschmelzen immer mehr.

Was in den sozialen Medien verbreitet wird, ist dann weitgehend das Kondensat all dieser Strömungen. Die verschiedenen Foto-Apps generieren automatisch die verschiedenen Stile, ohne dass sich der oder die Fotografierende allzu sehr anstrengen muss. Was heute das iPhone ist, war in den 70er Jahren die Kodak Instamatic. Neu ist, dass sich Facebook und Co. in ihren AGB gleich alle Rechte der publizierten Bilder aneignen.“

 

Hilkka Zebothsen, Chefredakteurin pressesprecher: 

Hilkka Zebothsen über Trends in der Fotografie
Hilkka Zebothsen, Chefredakteurin pressesprecher

„Derzeit begeistern mich drei Bildtrends: Inspiriert aus Asien erobern Emojis und Gifs soziale Medien bis hin zu Pressemitteilungen, die ohne Worte funktionieren und weltweit verstanden werden. Dann fallen mir die vielen emotional aufgeladenen Symbolbilder auf, die sich im Motiv auf Details konzentrieren, die aber für das große Ganze stehen, hyperrealistisch gestaltet sind und die Grafik optisch so reduzieren, dass sie den Leser zum Mitdenken herausfordern. Und gerade innovative Print-Produkte aus jeder nur erdenklichen Nische mit kleinsten Zielgruppen und hochspezialisierten Themen feiern die neue Nüchternheit mit Magazinen, die aussehen wie Coffee Table Books: Dominante Bilder, streng gestaltete Texte, viel Weißraum und optische Opulenz.

Im Social Web lässt sich aktuell beobachten, dass die User Sehnsucht nach dem Echten haben: Wenn selbst Gewinnerfotos großer Wettbewerbe tausendfach bearbeitet sind, wird der Hashtag #nofilter beinahe zur Auszeichnung.“

 

Markus Peichl, Galerist und Vorsitzender der LeadAcademy für Medien: 

Markus Peichl über Trends in der Fotografie
Markus Peichl, Galerist und Vorsitzender der LeadAcademy für Medien

„Bei vielen eingereichten Bildern des PR-Bild Award 2015 dominierten vordergründige, plakative, fast martialische Motive und Farben. Diese laute Fotografie steht im Widerspruch zur eher zurückhaltenden, nuancenreichen Editorial- und künstlerischen Fotografie der letzten zehn Jahre. Letztere zeigen die Verdichtung des Alltags und des Zufalls, sie inszenieren das Beiläufige und Nebensächliche. Zeitschriften wie das ZEIT-Magazin, das SZ-Magazin oder Brand eins haben diesen Stil entscheidend geprägt. Auch die Werbung bedient sich mittlerweile der Verdichtung des Alltagsmoments. So wird bei der Apple-Kampagne die Bildsprache des User-Fotos – des Fotos, das jeder schießen kann – auf den Sockel gehoben. Erstaunlich ruhige, beschauliche, ästhetische, zurückgenommene und doch höchst wirksame Bilder sind da zu sehen. Die PR-Fotografie setzt hingegen häufig auf das Offensichtliche, das Sofort-Erkennbare.

Außerdem fällt bei vielen aktuellen PR-Fotos die Inszenierung von spektakulären Bildmotiven auf. Entscheidend ist bei diesen Bildern, was vor der Kamera passiert, was dort mit großem Aufwand und entsprechenden finanziellen Mitteln auf die Beine gestellt wird. Natürlich muss es dann auch noch sauber abgelichtet werden, aber überzeugend ist hier vor allem WAS fotografiert wird, nicht in erster Linie WIE. Das Motiv allein ist schon ein Event. Ein Spektakel, ein Hingucker, ein künstlich erzeugtes Geschehen, das einen fesselt.

Nicht so bei den PR-Bildern im Social Web: Hier steht nicht die aufwendige Motivinszenierung im Vordergrund, sondern vielmehr eine besondere Bildidee, die auch ohne großen finanziellen Einsatz zu realisieren ist. Bei diesen Fotos geht es häufig um den anderen Blick auf die Dinge, um einen Perspektivwechsel oder einfach nur um einen visuellen Gag. Da zeigt sich, dass auch in der PR-Fotografie Experimente und eher zeitgemäße Herangehensweisen möglich sind – und zum Ziel führen.“

 

Harald Schneider, Leiter Bildredaktion APA:

Leiter der Bildredaktion bei der APA
Harald Schneider, Leiter Bildredaktion APA

 „Bei uns in Österreich geht der Trend bereits seit einigen Jahren Richtung „Bebildern“: Themenbilder ersetzen zum Beispiel das klassische Pressekonferenz-Bild. Statt die Vorstände der Post in einer PK zu fotografieren wird ein Postzusteller beim Ausliefern der Briefe gezeigt. Teilweise gibt es auch einen Trend zu „Schönbildern“. Das gut gestaltete „andere“ Bild wird vermehrt gedruckt.

Bilder im Social Web sind meist einfacher gestaltet und zeigen nur das Wesentliche, leicht Verständliche. Der Trend geht hier leider sehr Richtung Sensationsjournalismus. Wobei auch Banales als Sensation verkauft wird.“

 

 

PR-Bild Award 2016
Bewerbungen unter www.pr-bild-award.de

Kommentare (1)

  1. Ich wende mich an Hans Peter Junker. „Übrig bleibt nur Geschrei.“ Ich sehe es genauso. Was sage ich meinen Studenten? „Wenn ihr künftig Photoshop braucht, um nur ein einziges Foto zu verkaufen, dann seid ihr ganz einfach …nicht gut genug.“
    So war das zumindest mal.

    Auf der anderen Seite bastelt die Branche gerade an ihrem eigenen Untergang. Wenn wir schon Smartphone-Knipsen in der kommerziellen Mediengestaltung erlauben und sogar dafür eigene Preise ausloben, könnte man sich als Fotograf fragen, warum man eigentlich noch „Was und Warum“ studiert hat und sich jahrelang einen Kopf darüber macht, warum und wieso man ein Studio braucht und sich ständig weiterbildet?

    Unverkennbar verschwimmen die Grenzen der professionellen Fotografie und der damit verbundene Auftrag mit den privaten Ambitionen, „Fotos“ zu machen.

    Wenn also Retusche und Photoshop dazu führen, dass Medien und Agenturen auf Material zurückgreifen, was „nichts mehr kostet“, aber zumindest noch gerade den Anforderungen der Illustration entspricht, schafft die Branche den Berufsfotografen auf Dauer ab. Es wird bald keinen Auftrag mehr geben. Andererseits hat diese Art der „Bildherstellung“ nichts mehr mit der Realität und der eigentlichen Fotografie zu tun. Über manche Preisträger-Entscheidungen namhafter Ausschreiber kann ich mich nur wundern. Das Ergebnis gleicht mehr einer Grafik als einem Foto… Ich persönlich hätte da keine Chance.

    Aber warum macht man das? Man möchte immer mehr verkaufen und öffnet für alle Zielgruppen, unabhängig von Berufsstand und Qualifikation den Markt und das Angebot. Die Branche flutet den Markt, in dem sie im Grunde keinen Unterschied mehr macht zwischen Berufsfotografen und Amateuren. Der Amateur ersetzt den Profi.

    Die mediale Vermischung von Berufsfotografie und privaten Fotografen ist fatal für den Job. Eine Frage der Positionierung und Reputation für den Berufsstand. Entweder wende ich mich an Profis oder an Amateure; in Wettbewerben oder mittels Magazinen.

    Zu mir selbst? Ich bin seit 35 Jahren Berufsfotograf. Und nein, mich kennt mittlerweile auch keiner mehr als solcher in den Medien. Ich benutze kein Facebook, kein Twitter, Instagram oder andere Plattformen, um meine Arbeit zu zeigen. Es gibt nur meine eigene Webpage und eine Galerie. Und nein, ich benutze auch kein Photoshop, pimpe keine Bilder oder manipuliere Photo-Artwork. Ich werde Facebook oder anderen nicht erlauben, Copyrights für meine Arbeit zu beanspruchen. Dämlich, wer es macht.

    Und ja lieber Hans Peter Junker. Zuviel Geschrei, viel zu laut, zu wenig Objektivität und Selbstkritik. „Seriöse“ Fotografie hat was mit Selbstreflektion zu tun. Es ist ein Prozess, dem lernen, verstehen und erkennen vorausgehen sollte. Es hat was mit Wahrnehmung zu tun und einer Story, die jeder wirkliche Fotograf über seine Arbeit erzählen kann. Und diese Story ist manchmal interessanter, als das Ergebnis selbst. Es sind die Gedanken und Gefühle und die Ideen, die „unser“ bewusstes Handeln erklären. Genau das macht in jedem Bild eines wirklichen Fotografen den Unterschied. Das inflationäre Überangebot wird Qualität und Nachhaltigkeit zerstören. Leider…

    Herzlichst
    Christian von der Eltz,
    Shanghai
    CEA Studio
    Guest-Prof. College Art & Design

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