Zukunft der Arbeit: Technik braucht Kultur!

Die digitale Transformation verändert unsere Arbeit grundlegend. Doch während viele bei Digitalisierung zunächst an Technik denken, geht es doch vielmehr um kulturelle Herausforderungen. Welche kulturellen Kompetenzen brauchen wir in einem globalen und digitalisierten Arbeitsumfeld?

Mitverfasser der “Proklamation Zukunft der Arbeit” der Bertelsmann Stiftung hat er sich mit der Arbeit im Zeitalter der Digitalen Transformation auseinandergesetzt. digitale Transformation
Lars M. Heitmüller ist Leiter External Relations bei fischerAppelt. Als Mitverfasser der “Proklamation Zukunft der Arbeit” der Bertelsmann Stiftung hat er sich mit der Arbeit im Zeitalter der Digitalen Transformation auseinandergesetzt.

Von Lars M. Heitmüller

Offen gesagt: Es geht nicht mehr darum, ob wir uns für die Digitalisierung entscheiden. Die Frage ist lediglich, wie viel wir noch gestalten können und wollen.

Studien zeigen, dass die Skepsis in unserem Land groß ist und in vielen Aspekten der Digitalisierung nahezu Stillstand herrscht. Sie offenbaren weiter, dass viele Deutsche schlechte Internetkenntnisse besitzen: Nur jeder Dritte verfügt über gutes oder mittelmäßiges Wissen – damit liegen wir laut BITKOM im europäischen Vergleich auf Platz 27 hinter Portugal, Griechenland und Polen. Wir sehen also etwas primär skeptisch, was wir viel zu wenig kennen.

Meine feste Überzeugung: Nur mit einer aktiven und chancenorientierten Haltung kann es Deutschland und Europa gelingen, in dieser prägenden Zeit mitzugestalten und teilzuhaben. Hier hat digitale Bildung auch einen aufklärerischen Auftrag! Eine Verweigerung oder ein vergebliches Warten auf Standardisierung und juristische Klärung sind keine Lösung. Die Chancen bestehen jetzt!

Für den Einzelnen werden die Auswirkungen schon jetzt im Arbeitsalltag konkret:

Die Digitalisierung macht unsere Arbeitswelt komplexer und dynamischer. Hier braucht es neue Unternehmenskulturen, um damit erfolgreich umzugehen. Komplexität zu verneinen oder lediglich Lösungen top down vorzugeben, wird langfristig nicht erfolgreich sein. Frei nach Steve Jobs könnte man sagen: Wir stellen Leute ein, damit sie Probleme für uns lösen, nicht damit wir ihnen sagen, was sie zu tun haben.

Stichwort Sozialkompetenz: Die Bedeutung der “soften” Themen nimmt zu. Sozialkompetenz hilft dabei, Menschen mit unterschiedlichen (Arbeits-) Kulturen und Kompetenzen so zu akzeptieren, wie sie sind und produktiv mit ihnen zusammenzuarbeiten. Diversität hilft uns, möglichst viele verschiedene Erfahrungen und Perspektiven bei Herausforderungen einzubeziehen und so die beste Lösung zu definieren.

Stichwort Teilhabe: Echte Partizipation trägt dazu bei, alle vorhandenen Ressourcen zu Problemlösungen zu mobilisieren. Untersuchungen zeigen zudem, dass Selbstorganisation meist ein guter Weg ist, die sinnvollste und innovativste Lösung zu finden. Gute Unternehmen unterstützen Mitarbeiter dabei, Eigenverantwortung zu übernehmen und lassen ihnen Platz zu wachsen. So können beide Seiten profitieren.

Stichwort Transparenz: Softwarelösungen wie Slack.com unterstützen eine neue Kultur der Transparenz: Viele Programme lassen sich einbinden, Informationen sind im Volltext durchsuchbar: Die E-Mail-Flut wird reduziert, es entsteht eine ganz neue Transparenz. Auch hier können traditionelle Unternehmen von Start-Ups sehr viel lernen.

Stichwort Lernkompetenz: Klar zu sein scheint, dass Routinetätigkeiten in den kommenden Jahren zunehmend automatisiert werden. Auf der anderen Seite entstehen hochprofessionelle Tätigkeiten, für die ein kontinuierlicher Wissenserwerb notwendig wird. Hier sind Lernkompetenzen und ein intrinsisch motiviertes “am Ball bleiben” zunehmend wichtig.

Stichwort Resilienz: Wie bleiben wir auch in einem zunehmend beschleunigten und flexiblen Arbeitsumfeld in der Lage, Krisen zu bewältigen und unsere Potenziale auszuschöpfen? Zunehmend wichtig sind auch in diesem Zusammenhang persönliche Netzwerke, die einem den Blick von “außen” ermöglichen und hilfreiche Tipps und Kontakte liefern können. Selbstkompetenz trägt dazu bei, eigene Begabungen zu erkennen und sie gemäß der Lebensplanung fortzuentwickeln. Dies sollte schon in der Schule gefördert werden.

Stichwort Sinn & Spaß: Die Bedeutung von Geld als Motivationsfaktor hat in den letzten Jahren an Bedeutung verloren. Immer mehr Menschen haben den Anspruch an ihre Arbeit, dass sie Sinn macht und sie die eigene Lebens- und Arbeitszeit bewusst und konstruktiv miteinander verbringen. Unternehmen sollten diese “Sinnebene” glaubhaft kommunizieren können, um auch in der Generation Y High Potentials gewinnen zu können. Immer weniger Arbeitnehmer denken in der Dualität Arbeit versus Freizeit. Der Trend geht in verantwortlichen Positionen zunehmend von einer Work-Life-Balance hin zu einer Work-Life-Integration. Produktives, spaßvolles Arbeiten und das Verfolgen der eigenen Karriereplanung sowie eigener thematischer Interessen können meist sehr sinnvoll unter einen Hut gebracht werden.

Meine feste Überzeugung: Unternehmen sollten die digitale Transformation als Chance sehen. Ein neues Tool, ein starkes Leuchtturmprojekt kann eine positive Sogwirkung und einen nachhaltigen Kulturwandel auslösen. Es braucht nicht immer den Masterplan, die bis zu Ende entwickelte Innovationsstrategie. Gerade wir ingenieurgeprägten Deutschen müssen lernen, agiler zu arbeiten und Dinge einfach auszuprobieren.

Kostenloses Download zur Proklamation „Zukunft der Arbeit“

Lars M. Heitmüller auf Twitter

Kommentare (4)

  1. Hallo Herr Heitmüller,

    ein Großteil Ihrer Artikel gefällt mir ausgesprochen gut und trifft meiner Meinung nach genau den Punkt des Themas Digitalisierung. Aus diesmal wieder – voll ins Schwarze!

    Allerdings: Arbeit muss meiner Meinung nach nicht zwingend Spaß machen. Die Aufgabe des Mangements ist es auch nicht Spaß zu verbreiten. Sondern Ziele klar zu kommunizieren, da sich der Sinn über des Ergebnis definiert, nicht aus der eigentlichen Aufgabe. Es fallen mir viele Beispiel ein, in denen der Arbeiter kaum Spaß an seiner Arbeit hat, aber trotzdem viel Sinn in seinem Werk sieht. Beerdingungsunternehmer zum Beispiel.

    Es muss also glasklar werden warum man etwas tut und wem oder was es nützt. Daraus ergibt sich dann der Sinn, das Ziel und im Endeffekt auch der Spaß an der Arbeit – so denke ich 😉

    Schönen Gruß
    Marc Frankenberger

  2. Lieber Herr Frankenberger,

    vielen Dank für ihr positives Feedback!

    Das sind interessante Punkte, die Sie da genannt haben. Ich sehe das im Grunde sehr ähnlich wie Sie:

    Arbeit ist nicht primär dazu da “Spaß” zu machen – genau so wie es nicht Aufgabe eines Managers ist, Mitarbeiter zu “bespaßen”.

    Ich glaube allerdings, dass, wenn auf einer Seite der Medaille “Sinn” steht, auf der anderen sehr häufig “Spaß” zu finden ist. Vor allem die Generation Y möchte “das Große und Ganze verstehen” und hat einen hohen Anspruch an den “Sinn” der Arbeit. Dabei geht es nicht nur um das Endergebnis, sondern auch um den Weg dorthin. Der Anspruch ist – über den reinen “Broterwerb” hinaus – die eigene Lebens- und Arbeitszeit sinnvoll, sowie bewusst und konstruktiv miteinander zu verbringen.

    Meine These: Produktives Arbeiten, das die eigene Karriereplanung berücksichtigt und Sinn gibt, macht fast automatisch “Spaß”. 😉

    Beste Grüße

    Lars M. Heitmüller

  3. Hallo Herr Heitmüller,

    genau das wollte ich mit meinem letzten Satz sagen. Zumindest sind wir sehr nah beieinander 😉

    Ich freue mich für jeden, der das im Leben erreicht. Wenn sich am Ende Arbeit nicht mehr wie Arbeit anfühlt, sprechen wir auch nicht mehr über Work-Life Balance, denn dann ist größtenteils ohnehin alles in Balance. Als „Mitglied“ der Generation Y stimme ich übrigens zu. Auch ich suche immer nach dem besten Blickwinkel auf das Große und Ganze. Der Sinn ergibt sich dann daraus, dass ich sehe und verstehe wofür ich tue was ich tue und was es (meist) Positives bewirkt. Das reine Tun an sich ist dann aber auch mal weniger spaßig 😉

    Vielen Dank für Ihre Rückmeldung!

    Einen schönen Abend noch und schönen Gruß
    Marc Frankenberger

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